Das Museum im Kulturspeicher (MiK) in Würzburg widmet Carl Grossberg (1894–1940), einem der bekanntesten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, eine große Retrospektive. Unter dem Titel „Carl Grossberg. Sachlich – Magisch – Visionär“ versammelt die Ausstellung rund 50 Gemälde und etwa 100 Arbeiten auf Papier. Sie ist vom 26. September 2026 bis zum 17. Januar 2027 zu sehen und entsteht in Kooperation mit dem Von der Heydt-Museum Wuppertal.
Carl Grossberg gehört zu den markantesten Malern der Neuen Sachlichkeit. In den großen Überblickspräsentationen zur Malerei der Weimarer Republik waren seine klar konstruierten, menschenleeren Stadt und Dorfansichten ebenso präsent wie seine Gemälde von Maschinen und Industrieanlagen. In einer umfassenden Einzelausstellung jedoch wurde sein Werk zuletzt 1995, vor mehr als 30 Jahren, präsentiert. In Würzburg liegt die letzte Grossberg-Ausstellung sogar noch weiter zurück: Sie fand 1979 statt.
Dies ist umso bemerkenswerter, als Grossberg nach seinem Studium am Bauhaus fast sein gesamtes künstlerisches Leben in der Region verbrachte. Von 1921 bis zu seinem frühen Tod 1940 lebte und arbeitete er im unterfränkischen Sommerhausen. Dort bewohnte er mit seiner Familie den „Flurersturm“, einen ehemaligen Wehrturm der Stadtbefestigung. In Sommerhausen entstand der größte Teil seiner Gemälde. Viele seiner Ortsansichten zeigen fränkische Dörfer und Städte – von Sommerhausen, Erlach und Frickenhausen über Eibelstadt, Kitzingen und Marktbreit bis nach Dinkelsbühl und Würzburg.
Mit seinen neusachlichen Bildern von Stadt und Dorf machte sich der Bauhaus-Schüler in den 1920er-Jahren einen Namen. Zugleich avancierte er zum wichtigsten Maler von Industrie und Technik seiner Zeit. Ersten Zeichnungen, die er 1924 bei dem Würzburger Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer anfertigte, folgten zahlreiche weitere Werke zu diesem Thema, die häufig im Auftrag von Industrieunternehmen entstanden. Carl Grossberg idealisierte die faszinierende Welt der Technik jedoch nicht. Die Arbeiten stellen immer auch die Frage nach der Beherrschbarkeit der modernen Maschinenwelt durch den Menschen.
Besonders deutlich wird diese Ambivalenz in den sogenannten „Traumbildern“ des Künstlers, in denen Technik und Natur in surrealen Visionen aufeinandertreffen. Seine Kunst beschwört die Magie der Dinge und macht zugleich die Komplexität der Welt des 20. Jahrhunderts und ihre inneren Widersprüche sichtbar. So verbindet sich in seinem Schaffen ein Bekenntnis zum modernen Leben mit einer tiefen Verunsicherung angesichts der technologischen und politischen Entwicklungen der 1920er- und 1930er-Jahre.
In einer Gegenwart, in der die Demokratie erneut unter Druck steht und Künstliche Intelligenz tiefgreifende technische und gesellschaftliche Veränderungen auslöst, gewinnen Carl Grossberg und seine Darstellungen neue Aktualität. Mit sachlicher Präzision, magischer Atmosphäre und visionären Zukunftsentwürfen eröffnet die Ausstellung im MiK einen überraschend gegenwärtigen Blick auf das Verhältnis von Mensch, Fortschritt und Gesellschaft.
Ein umfangreiches Begleitprogramm greift zentrale Themen der Ausstellung auf und führt sie bis in die Gegenwart weiter. So widmen sich unter anderem Führungen, offene Werkstätten, Film- und Gesprächsabende sowie Vorträge Grossbergs Blick auf Architektur, Industrie, Arbeit und gesellschaftlichen Wandel.