Im Untergeschoss der Schweinfurter Kunsthalle hängt ein textiles Kunstwerk namens „Au fil de la vie“ und begrüßt dort jeden Vorübergehenden mit seinen feinen, langsamen Bewegungen. Heidrun Schimmels „Lebensfaden“, so der Titel auf Deutsch, besteht aus dem äußerst leichten Seidenstoff Organza und aus Baumwollgarn und ist das Lieblingsstück der Ausstellungsmacherinnen Dr. Julia Weimar und Dr. Barbara Kahle. Beide kuratieren die Schau „Fäden. Textiles in der zeitgenössischen Kunst“, die 2026 in der Kunsthalle Schweinfurt zu erleben ist. Ursprünglich hatte das Museum im früheren Hallenbad eine Einzelausstellung von Heidrun Schimmel im Sinn. Denn die gewann 2024 den ersten Preis der Triennale für zeitgenössische Kunst in Franken. „Doch die Künstlerin, die heuer 85 Jahre wird“, so berichtet Julia Weimar, „wollte lieber im Kreis von Kolleginnen und Kollegen erscheinen, die ähnliche Techniken wie sie anwenden. Da wird gestickt, gewebt, getuftet – und es werden die vielfältigen Möglichkeiten des Fadens ausgelotet.“
Abstrakte Kunst begrüßt uns freundlich
Heidrun Schimmels "Au fil de la vie" in der Kunsthalle Schweinfur
Heidrun Schimmel studierte in den 1960er-Jahren an der Münchner Kunstakademie und wurde durch die damalige amerikanische Kunst mit radikal reduzierter Formensprache beeinflusst. Es ging um das Material als solches, dessen Grenzen neu ausgelotet wurden – egal ob es sich um riesige Stahlskulpturenhandelte, Filzbahnen oder eben um Stoff und Faden. „Ich habe eine Idee und hefte in Handarbeit weißen Baumwollfaden auf transparenten schwarzen Seidenstoff. Es gibt keine Vorzeichnung, sondern mit dem Arbeitsprozess entsteht nach und nach die Form, Stich für Stich“, erklärt Schimmel ihre Arbeitsweise. Darin lässt sich ja bereits eine Parallele zum Wirken des Menschen im Allgemeinen erkennen. Und die Künstlerin bestätigt: „Seitalters her ist der textile Faden existenziell und symbolisch eng mit dem menschlichen Leben verbunden.“
Ihre Kunstwerke sind Ergebnisse sehr langwieriger Entstehungsprozesse. In unserer optimierten Leistungsgesellschaft erscheint ein solches Tun fast anachronistisch. Das Sich-Zeit-Nehmen, Stich um Stich, ist dabei essentieller Teil der Arbeit, gibt ihr eine spezielle Aura. Unendliche Wiederholungen ermöglichen Verlangsamung und schaffen Zeit, die dann sichtbar, ja sogar erspürbar wird. „Fadenheften ist ein Vorgang in der Zeit, wie Ein- und Ausatmen, der alle Empfindungen seismografisch festhält“, sagt Heidrun Schimmel. Stete ruhige Energie fließt in einem eigenen Rhythmus. Die Fäden werden zu Lebensspuren. Die Kunsthalle Schweinfurt lohnt einen Besuch unbedingt auch vor und nach der „Fäden“-Schau. Ihre Sammlungen zur Kunstnach 1945 bis hin in die Gegenwart laden zu überraschenden Entdeckungen ein.
Kontakt: Kunsthalle Schweinfurt, Rüfferstraße 4, 97421 Schweinfurt, Tel. 09721/514721 (Kasse), www.kunsthalle-schweinfurt.de

